Bald geschlossen: In Wulferdingsen wird es ab dem 14. Juni keinen Allgemeinmediziner mehr geben. - © Mareike Patock
Bald geschlossen: In Wulferdingsen wird es ab dem 14. Juni keinen Allgemeinmediziner mehr geben. | © Mareike Patock

Bad Oeynhausen Wulferdingsen: Landarztpraxis schließt nach 66 Jahren

Am 13. Juni öffnet Mediziner Thomas Geisler ein letztes Mal die Türen seiner Praxis. Weil sich trotz jahrelanger Suche kein Nachfolger fand, steht Wulferdingsen ohne Allgemeinmediziner da

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen-Wulferdingsen. Thomas Geisler ist mit Leib und Seele Hausarzt. Einer vom alten Schlag. Praxis auf dem Land, Hausbesuche, ganze Familien-Generationen als Patienten. Doch nun ist Schluss. Nach 36 Jahren als Allgemeinmediziner schließt der 72-Jährige am 13. Juni seine Praxis. Die jahrelange Suche nach einem Nachfolger – sie ist letztendlich doch gescheitert. Somit steht Wulferdingsen nach insgesamt 66 Jahren ohne Hausarzt da. Nachfolger springt ab Seit 2011 hat Thomas Geisler für seine Praxis einen Nachfolger gesucht. Anzeigen, Praxisbörsen, Headhunter – nichts brachte den gewünschten Erfolg. Doch der 72-Jährige gab nicht auf. Er wollte den Praxisstandort, der seit 1952 existiert, retten. Und fand im vergangenen Jahr einen potenziellen Kandidaten quasi um die Ecke. Ein junger Ägypter, der mit Frau und Kind in Löhne lebt, wollte aufgrund der Arbeitszeiten, Wochenend- und Notdienste raus aus dem Krankenhausalltag und in seine Fußstapfen treten. Es war alles in trockenen Tüchern, dann kam die Kündigung für die Praxisräume. Ein Rückschlag. Letztendlich dann das Angebot der Kirche, das Gemeindehaus Wulferdingsen um- und auszubauen und dort eine Hausarztpraxis zu integrieren. „Wir standen vor der Vertragsunterzeichnung", sagt Geisler. Sein Nachfolger als Chef, er für die Übergangszeit noch als angestellter Arzt. „Aber der junge Mann hat zu einer anderen Praxis gewechselt. Somit stehe ich ohne Nachfolger da." Dabei hätte der Wulferdingsener ihm die komplette Praxis überlassen – inklusive Einrichtung und Patienten. Ein Hausarzt - 1.600 Patienten Noch ist die Versorgungsquote an Hausärzten gut in der Kurstadt. Auf rund 1.600 Einwohner kommt in Bad Oeynhausen ein Hausarzt. Für die Kernstadt sieht die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) keine Probleme. Aber für die Außenbezirke. Schon 2015 prognostizierte der damalige Leiter der KVWL-Bezirksstelle in Minden, Erik Fischer, dass Einzelpraxen nicht mehr überlebensfähig seien. „Den Landarzt, der hoch zu Pferde kommt, als Alleinkämpfer, 24 Stunden im Dienst seiner Patienten – den gibt’s nicht mehr." Die jungen Mediziner – in erster Linie Frauen – wollten mehr Freizeit, mehr Miteinander. Für einen Arzt brauche es heutzutage 1,5 bis 2 Kollegen für die gleiche Arbeitsleistung. Nur so würden sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Denn das Geld sei es nicht, das viele vom Beruf des Hausarztes abhalte. „Die Politik ist gefordert" „Die Politik ist gefordert", sagt Thomas Geisler. „Sie muss sich um die hausärztliche Versorgung kümmern – wenn ihr die Bevölkerung am Herzen liegt." In wenigen Jahren würden die Praxen vom Land verschwinden. „Den jungen Kollegen muss der Weg in die Praxis gezeigt, beigebracht werden", wirbt Geisler für seinen Beruf. Stattdessen würden ihnen von der KVWL nicht selten Steine in den Weg gelegt. „Das sorgt bei jungen Menschen für Angst. Oft wird der, der zu viel macht, bestraft." Der 13. Juni wird der letzte Arbeitstag von Thomas Geisler werden. „Dann mache ich meine letzte Abrechnung." Der 72-Jährige hat zum 30. Juni seine Niederlassung an die KV zurückgegeben. Seine beiden Mitarbeiterinnen wurden von Kollegen übernommen. „Denen bin ich dankbar", sagt er. „Genau wie meinen Patienten, die mir jahrelang die Treue gehalten haben." Und schon im Vorfeld den Ärzten, die nach Aufgabe seiner Praxis seine Patienten übernehmen. Praxis wird gespendet Die Praxiseinrichtung (Mobiliar und Technik), die geht komplett als Spende nach Moldawien. Dorthin, wo lange Jahre die Kirchengemeinde Bergkirchen mit der „Moldawienhilfe" eine Missionsstation unterstützte. Eine Aktion, die nach 27 Jahren im vergangenen Jahr beendet wurde, weil Ernst Ludwig Homann keinen Nachfolger als Organisator fand. „Ernst Ludwig Homann wird sich mit mir zusammen ein letztes Mal auf den Weg nach Ribnita machen", erzählt Thomas Geisler. Mit einem von Porta Möbel zur Verfügung gestellten Lastwagen geht die Praxis Mitte Juni auf Reisen. „Danach beginnt für mich ein neues Leben", sagt Geisler lachend.

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