Die Debatte um Heimat und Leitkultur trieft nur so vor deutscher Kartoffeligkeit. Unser Autor ist genervt davon. - © picture alliance/chromorange
Die Debatte um Heimat und Leitkultur trieft nur so vor deutscher Kartoffeligkeit. Unser Autor ist genervt davon. | © picture alliance/chromorange

Meinung "Heimatministerium": Die deutsche Leitkultur ist nur in deinem Kopf

Ein Bruchteil der Deutschen wünscht sich eine Vergangenheit zurück, die es so nie gegeben hat. Politiker versuchen, mit Begriffen wie "Heimatministerium" und "Konservative Revolution" gegenzusteuern. Eine bescheuerte Idee.

Matthias Schwarzer

Berlin. Bei der letzten Bundestagswahl haben 12 Prozent die AfD gewählt. Alle anderen Parteien macht das offenbar so nervös, dass sie neuerdings versuchen, Schlachtrufe der Rechtspopulisten zu übernehmen und für sich zu nutzen. Ganz weit vorne mit dabei ist natürlich die CSU: Das neue Ministerium von Horst Seehofer heißt nun "Heimatministerium". Was es macht und wozu man es braucht, weiß noch niemand so genau. Klar ist: Zumindest sein Name richtet sich an diejenigen, die Deutschland ein kleines bisschen zu lieb haben. Die Flüchtlingskrise hat bei einigen Mitbürgern ein gewaltiges Identitätsproblem ausgelöst. Ein Problem, bei dem man ihnen wohl auch nicht helfen kann. Politik und Medien versuchen es trotzdem: Seit Monaten werden in Talkshows Debatten über Werte und die deutsche Leitkultur geführt. Und was es eigentlich bedeutet, Deutscher zu sein. Der Begriff "Heimat" macht derweil auch abseits des rechten Randes die Runde. Ein "Heimatministerium" gibt es bereits in NRW und in Bayern. Die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ließ Prominente für den Begriff "Heimat" werben. Die Grünen haben sich selbst zur "Heimatpartei" ernannt, um den Rechten den Begriff abzujagen. Im Sommer stellte Thomas De Maizière (CDU) in der Bildzeitung Thesen zur deutschen Leitkultur auf. Alexander Dobrindt (CSU) wollte eine "konservative Revolution" anzetteln. Wen interessiert schon Heimat? Meine Generation ist von dem Gejammere rund um Heimat und Identität inzwischen so genervt, dass sie es nur noch mit ganz viel Ironie ertragen kann. Auf Twitter gehören Alman-Witze zum alltäglichen Gag-Programm. In Diskussionen mit Freunden ist die Kartoffeligkeit unseres Landes immer wieder Thema, obwohl es eigentlich viel zu egal ist, darüber zu diskutieren. Der Heimatbegriff wird völlig überhöht. Die wenigsten Deutschen dürfen so etwas wie "Heimatliebe" empfinden, wenn sie an Deutschland denken. Vielleicht fühlen sie sich mit ihrem Geburtsort verbunden, oder mit einer Region, in der sie leben. Ein Sauerländer dürfte in den seltensten Fällen etwas für Buxtehude empfinden. Und der Kölner liebt vielleicht seine Stadt, aber nicht Sprockhövel. Und die deutsche Leitkultur? Die existiert vielleicht in der Fantasie von CSU-Politikern, aber nicht in der Realität. Was soll das denn überhaupt sein? Fußball und Karneval und besoffen beim Oktoberfest? Es gibt keine deutsche Leitkultur Der Kabarettist Serdar Somuncu saß am Wochenende in einer Phoenix-Talkshow und sollte sich zu genau diesem Thema äußern. Moderator Alfred Schier fragte ihn, ob es eine Art Leitkultur gäbe, an die sich auch Migranten halten müssten. "Nein", antwortet Somuncu. "Weil es keine deutsche Leitkultur gibt." Schier legt nach: "Leitkultur ist Goethe und Helene Fischer". Somuncu: "Helene Fischer ist halbe Russin - also wenn das Leitkultur ist, bitteschön." Deutschland sei, so Somuncu, ein Konglomerat aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen. "Das Deutschland, was wir heute haben, ist ein Zusammensetzen aus Ost- und Westdeutschland. Es sind Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen: Portugal, Italien und jetzt neuerdings auch aus Syrien." Die Werte seien übrigens kein nationaler Kodex, sondern ein gesellschaftlicher. "Wenn es um die Gleichberechtigung der Frau geht, können Sie auch mit deutschen Filmregisseuren sprechen - die haben auch noch einiges zu lernen." Alexander Dobrindt (CSU) hatte im Januar auf anderem Wege versucht, die Heimatromantiker zu erreichen - er wollte eine "konservative Revolution" anzetteln. Das war allein deshalb schon skurril, weil in Deutschland seit 12 Jahren eine Kanzlerin regiert, die einer konservativen Partei angehört. Abgesehen davon bediente sich Dobrindt eines Begriffes, der bereits in der Weimarer Zeit auftauchte und nach dem Zweiten Weltkrieg von Armin Mohler aufgegriffen wurde - er gilt als Vordenker der Neuen Rechten. Überlassen wir den Begriff den Rechten Der Begriff "Heimat" ist ebenso belastet wie die "konservative Revolution". Der Begriff wird nicht ohne Grund von rechten Gruppen immer wieder eingesetzt, weil sie sich ihrer deutschen Identität beraubt glauben. Und von Menschen, die sich eine Vergangenheit zurückwünschen, die es so nie gegeben hat. Das ist auch in anderen Ländern zu beobachten: Donald Trumps "America first" ist nichts anderes als übertriebenes Heimatgesäusel. Es gibt keinen Grund, auf diesen Zug aufzuspringen. Wer glaubt, sein Deutschland gehe kaputt, weil ein paar Migranten kommen, der hat schlichtweg falsche Vorstellungen von diesem Land. Denn Deutschland war nie homogen, und das "Deutschsein" etwas höchst Künstliches.  Vielleicht sollten wir den Begriff "Heimat" einfach dort lassen, wo er hingehört - und davon Abstand nehmen. Kontakt zum Autor

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